
Viele Menschen, die sich für eine offene Beziehung interessieren, machen eines sehr gründlich: Sie denken nach, reden viel und informieren sich. Sie wollen es „richtig“ machen.
Und trotzdem berichten mir genau diese Menschen irgendwann von Momenten, in denen sie nicht mehr Herr ihrer Lage sind und das Gefühl haben, es sei alles zu viel und sie könnten das alles einfach nicht mehr.
Meist ist objektiv nichts Schlimmes passiert. Trotzdem fühlt es sich plötzlich nicht mehr gut an, obwohl es das doch eigentlich sollte.
Es sind nicht immer die großen Grenzüberschreitungen oder Vertrauensbrüche, die das unwohle Gefühl hervorrufen. Auch kleine Gesten oder Blicke, die wiederum bestimmte Gedanken in uns auslösen können alles zum Kippen bringen.
Um die Situation wieder in den Griff zu bekommen, fangen viele an nach neuen Regeln, besseren Absprachen oder noch mehr Kommunikation zu suchen und damit ihre offene Beziehung passend zu machen.
Dabei liegt das Entscheidende oft dort, wo sie nicht hinschauen.
Die Dinge, denen wir gerne die Schuld geben
Wenn offene Beziehungen schwierig werden (und aus eigener Erfahrung sowie vielen Berichten anderer Paare und eigener Beobachtung weiß ich, dass die wenigsten offeneren Beziehungen immer nur leicht sind und mit rosigen Gefühlen einhergehen) fallen schnell dieselben Begriffe:
Eifersucht. Zu wenig Kommunikation. Zu schnelles Tempo. Falsche Erwartungen. Der falsche Club. Die falsche Person.
All das kann natürlich eine Rolle spielen. Aber es erklärt nicht, warum zwei Menschen dieselbe Situation erleben und völlig unterschiedlich damit umgehen.
Warum bleibt die eine Person innerlich ruhig, während die andere sich selbst kaum noch spürt? Warum vergleichen sich manche, kontrollieren oder ziehen sich zurück und andere nicht?
Der Grund liegt selten im Außen bzw. den Umständen.
Der Moment, in dem es kippt
In meiner Arbeit – und auch in meinem eigenen Leben – sehe ich immer wieder dieselben Situationen:
Der Partner findet jemand anderen attraktiv. Man merkt, dass man gerade nicht die erste Wahl ist. Vielleicht entstehen Gefühle nicht gleichzeitig oder nicht gleich stark. Oder man sieht eine andere Person und vergleicht sich plötzlich. Wer sehr reflektiert ist oder im Allgemeinen auf sich und seine Gedanken achtet, der spürt vielleicht sogar, dass er gerade nicht mehr bei sich selbst ist.
Das sind alles keine Ausnahmen. Ich kann dich beruhigen, denn das sind normale Momente in offenen Beziehungen.
Die entscheidende Frage ist gar nicht, ob sie auftreten. Das ist erstmal kein Problem. Viel wichtiger ist, was in dir passiert, wenn sie auftreten.
Woran du merkst, wie stabil deine innere Basis wirklich ist
Viele Menschen glauben, sie hätten ein Selbstwertproblem, weil sie unsicher werden. Dabei ist Unsicherheit auch nicht automatisch ein Problem.
Spannend wird es erst bei der Reaktion darauf.
Wie gehst du beispielsweise innerlich mit dir um, wenn du dich vergleichst? Kannst du bei dir bleiben, auch wenn es kurz weh tut oder brauchst du sofort Bestätigung, um dich wieder okay zu fühlen? Wirst du innerlich hart mit dir? Willst du kontrollieren, abbrechen oder dich zurückziehen? Oder kannst du fühlen, was da ist, ohne dich selbst dafür abzuwerten?
Die Fragen sind nicht dafür da, um dich zu bewerten. Sie zeigen dir auf, wie viel innere Stabilität gerade verfügbar ist.
Die eigentliche Basis einer offenen Beziehung, über die kaum jemand spricht
All diese Reaktionen haben einen gemeinsamen Nenner, bei dem es nicht um das Maß an Offenheit, um Sex oder um Eifersucht geht.
Es geht darum, wie stabil dein Selbstwert ist, wenn du emotional herausgefordert wirst. Selbstwert zeigt sich darin, wie du mit dir umgehst, wenn etwas schwierig oder herausfordernd ist. Er zeigt sich nicht in einem Gedanken wie „Ich bin gut genug”, sondern könnte eher als innere Fähigkeit beschrieben werden:
Kann ich mich halten, auch wenn ich mich gerade unsicher fühle?
Wie offene Liebe mich meinen Wert erkennen ließ
Früher hatte ich oft Angst, dass mein Partner eine andere Frau besser findet. Ich habe mich immer wieder gefragt, was ich nur tun soll, wenn eine tollere Frau als ich daher kommt.
Das waren bei mir keine harmlosen Gedanken nebenbei. Sie wollten gar nicht mehr gehen und waren der Auslöser für starke, überrollende Gefühle. Ich wusste nicht, wie ich mit ihnen umgehen soll, und habe innerlich den Boden verloren.
Heute tauchen solche Gedanken manchmal auch noch auf. Der Unterschied ist zwar nicht, dass sie weg sind, aber dass sie nicht mehr die gleiche Macht über mich haben.
Ich erinnere mich dann daran, dass Attraktivität und Passung immer subjektiv sind. Und dass ich mich selbst gut finde, so wie ich bin.
Ich weiß, dass ich eine gute Partnerin bin und ich möchte an der Seite von jemandem sein, der das auch so sieht. Sollte ein Mensch mich eines Tages nicht mehr als passende Partnerin empfinden, wäre das traurig, aber kein Beweis dafür, dass mit mir etwas nicht stimmt.
Ich bin es mir wert, bei jemandem zu sein, der weiß, was er an mir hat.
Das zeigt sich für mich auch sehr deutlich im Umgang mit Eifersucht. Früher wollte ich mir schnell Bestätigung holen oder Dinge kontrollieren, um mich schnellstmöglich wieder sicher zu fühlen.
Heute merke ich diesen Impuls manchmal auch noch, aber ich folge ihm nicht mehr automatisch.
Ich denke mir dann: Ich möchte nicht, dass jemand bei mir bleibt, weil ich ihn festhalte. Ich möchte, dass jemand freiwillig bei mir ist. Denn nur dann weiß ich wirklich, ob jemand mich will und nicht nur die Sicherheit, die ich ihm gebe.
Warum offene Beziehungen das so sichtbar machen
Offene Beziehungen erzeugen diese Themen nicht. Die Offenheit bei Herausforderungen wieder aufzugeben wird dein Problem nicht beheben. Es ist nur weniger sichtbar, aber zeigt sich dennoch in vielen anderen Lebensbereichen. Aber besonders in offenen Beziehungen wird dein Selbstwertgefühl sichtbar.
Was in monogamen Beziehungen oft durch Exklusivität, Nähe oder Gewohnheit abgefedert wird, tritt hier deutlicher zutage.
Du darfst lernen es nicht als Niederlage zu sehen und mehr als als Spiegel. Ich weiß, dass das herausfordernd sein kann. Aber es ist auch eine große Chance, denn was sichtbar wird, kann verstanden werden und was verstanden wird, kann sich verändern.
Was heißt das konkret – Selbstwert in offenen Beziehungen?
Ein stabiles Selbstwertgefühl zeigt sich nicht darin, dass jemand niemals unsicher ist, sondern darin, wie jemand mit dieser Unsicherheit umgeht.
Menschen mit einem stabilen Selbstwert…
… können sich selbst annehmen, auch wenn sie sich gerade vergleichen oder kurz zweifeln.
Sie müssen sich nicht sofort beweisen, erklären oder anpassen, um sich wieder okay zu fühlen.
… setzen Grenzen.
Sie spüren, wann etwas zu viel wird, und sagen „Nein“ aus Selbstschutz und Selbstbewusstsein heraus, nicht aus Angst.
… können ihre Bedürfnisse äußern, ohne sie zu rechtfertigen.
Sie sagen, was sie brauchen, ohne den Anspruch, dass der andere es sofort erfüllen muss.
… hören auf ihr Bauchgefühl.
Nicht jedes Gefühl wird analysiert oder wegerklärt. Manches darf einfach da sein und ernst genommen werden.
… übernehmen Verantwortung für ihr inneres Erleben.
Sie machen ihre Gefühle nicht zum Problem des anderen oder geben jemandem die Schuld.
… können mit Spannungen umgehen, ohne sofort alles infrage zu stellen.
Kritik, Unsicherheit oder Rückschläge bedeuten für sie nicht, dass mit ihnen etwas nicht stimmt.Sie erkennen, dass es hier etwas gibt, dass sie sich näher anschauen können.
Gerade in offenen Beziehungen wird das sehr deutlich, denn dort gibt es weniger äußere Sicherheiten, an denen man sich festhalten kann. Keine Exklusivität, die alles abfedert oder ein automatisches „Ich bin die Einzige / der Einzige“.
Und genau deshalb zeigt sich hier so deutlich, ob der eigene Wert innerlich verankert ist oder ob er stark davon abhängt, wie sehr man gerade begehrt, gewählt oder bestätigt wird.
Fazit:
Offene Beziehungen scheitern in der Regel nicht, weil jemand eifersüchtig ist oder weil sich einer der Partner in eine andere Person verliebt. Das sind nur Symptome. Das Problem sitzt meist tiefer und zeigt sich in Form von deinem Selbstwertgefühl. Dein Umgang mit dir selbst ist das wichtigste, um stabile und gesunde Beziehungen zu führen und hier kannst du ansetzen, um unangenehmen Gefühlen ihre Macht zu nehmen und viele Situationen gelassener zu meistern.
Wenn du merkst, dass dich das betrifft, dann sieh es bitte nicht als Zeichen von Schwäche, sondern von Bewusstsein. Denn mit diesem Bewusstsein kannst du Veränderung bewirken. Genau an dem Punkt begleite ich auch meine Klienten und helfe ihnen, schon in 12 Wochen ihr Selbstwertgefühl zu verbessern, damit sie den nächsten Clubbesuch entspannter erleben oder den Wunsch nach mehr Offenheit gelassener und zufriedener ausleben können.
Wenn du das auch möchtest, dann wende dich gerne mit einer Nachricht an mich.
Das könnte dir auch gefallen:








