Eifersucht in offenen Beziehungen – normal oder Warnsignal?

Vielleicht erinnerst du dich noch an den Moment, an dem du auf der Couch sitzt, zustimmend nickst und Offenheit für deine Beziehung total Sinn ergibt. Mehr Freiheit fühlt sich für dich richtig an. Du hast Lust auf neue Erfahrungen und Monogamie ist längst nicht mehr das richtige Modell für dich.

Bestimmt hast du mit deinem Partner über alles gesprochen, ihr habt gemeinsam reflektiert und abgewogen. Der rationale Teil von dir ist definitiv schon an Bord. Doch ein anderer Teil in dir zieht sich plötzlich zusammen, wenn dein Partner ein Date hat oder nur von einer anderen Frau spricht. Dein Kopf sagt ja, aber dein Körper schreit nein. Oder?

Wenn du das kennst, bist du weder falsch, noch bist du der Gegenbeweis dafür, dass konsensuelle Nicht-Monogamie funktionieren kann.

Eifersucht in offenen Beziehungen; Polyamorie, Liebespaar, Dritte Person

Wer Eifersucht in offenen Beziehungen kennt, der ist entgegen vieler Annahmen kein Sonderfall, sondern normal und menschlich. Also sei bitte nicht zu hart zu dir. Auch ich bin davon nicht befreit. Eifersucht sagt erst einmal nichts darüber aus, ob ein Beziehungsmodell „das Richtige“ für dich ist. Was sie zeigt, ist, wie sicher oder unsicher du dich innerlich gerade hältst, wenn es emotional wird.

Viele Menschen, die offen lieben wollen, sind reflektiert, informiert und verantwortungsbewusst. Trotzdem reagiert ihr Inneres schneller als jeder Gedanke. Das ist kein persönliches Versagen. Das Nervensystem reagiert auf Bindung.

Dieser Artikel ist keine Anleitung, wie du Eifersucht „wegbekommst“. Ich möchte dich einladen genauer hinzuschauen: Wann ist Eifersucht ein normales Gefühl, das kommen und gehen darf und wann wird sie zu einem Warnsignal, dass du dich selbst aus dem Blick verlierst?

Warum Eifersucht in offenen Beziehungen so häufig ist

Bestimmt kennst du die Reaktion von Freunden oder Kollegen in monogamen Beziehungen, denen du erzählst, dass ihr eine offene Beziehung führt oder führen wollt. Erfahrungsgemäß antworten sie “Das könnte ich ja nicht”.

In der Regel meinen sie damit, dass sie ihren Partner nicht teilen möchten, da sie allein der Gedanke eifersüchtig macht. Obwohl sie im zweiten Moment vielleicht sogar angetan sind von der Idee, selbst mal jemand neues zu Daten. Nur der Partner soll das bitte niemals tun, weshalb sie selbst lieber darauf verzichten. Dementsprechend tun sie alles dafür, um Situationen zu vermeiden, in denen sie eifersüchtig werden könnten.

Offene Beziehungen machen sichtbar, was vorher durch Exklusivität abgefedert war.

Eifersucht taucht nicht einfach auf, weil du jetzt offen liebst, sondern weil dein inneres System mit echter Unsicherheit konfrontiert ist. Dein Bindungssystem kennt keine Beziehungsmodelle, Bücher über Polyamorie oder wohl überlegte Entscheidungen. Es kennt nur eine zentrale Frage: Bin ich sicher in der Verbindung oder nicht?

Sobald dein Partner als eine relevante Bindungsperson emotional oder körperlich bei jemand anderem ist, sagt dein Nervensystem “Hier ist etwas unklar, hier gibt es Konkurrenz, einen potentiellen Verlust und das bedeutet Gefahr.” Das liegt daran, dass wir gesellschaftlich auf Exklusivität, Verlässlichkeit und Vorhersehbarkeit geprägt sind.

Dementsprechend kann dein Körper auch dann Alarm schlagen, wenn du dich ganz bewusst für mehr Freiheit entschieden hast. Das ist ein Schutzmechanismus. Eifersucht ist allein durch ihr Auftreten nicht problematisch. Es kommt nur darauf an, wie du mit ihr umgehst.

Auch ein Grund, warum Eifersucht in offenen Beziehungen häufig auftritt ist, dass äußere Freiheit oft mit innerer Stabilität verwechselt wird. Ihr habt vermutlich Regeln, Absprachen, seid transparent und kommuniziert viel. Das ist zwar schön und gut, aber Sicherheit ist leider kein Ergebnis von Struktur. Sie ist ein innerer Zustand, der nichts mit dem Außen zutun hat.

Du kannst in einer sehr fairen, offenen Beziehung sein und dich trotzdem innerlich ungesichert fühlen, wenn alte Selbstwertthemen, Verlustängste oder Vergleichsmuster getriggert werden.

Wie ich bereits sagte, bringen offene Beziehungen die Themen nicht erst hinein. Sie waren immer da, aber wurden durch die Exklusivität abgefedert.

Verstehe meine Worte nicht als Urteil oder Bewertung, sondern nutze sie als Information.

Wann Eifersucht „normal“ ist

„Normal“ ist Eifersucht dann, wenn sie dich nicht dauerhaft von dir selbst entfernt.

Das zeigt sich zum Beispiel so:

Du spürst Eifersucht als Welle. Sie kommt, vielleicht intensiv oder auch überraschend und dein Körper reagiert während sich deine Gedanken kurz und hektisch anfühlen. Trotzdem verlierst du nicht gleich komplett den Boden unter den Füßen. Du kannst wahrnehmen, was in dir passiert, ohne sofort handeln zu müssen.

Du kannst das Gefühl für dich selbst oder in einem Gespräch benennen, ohne dich dafür zu schämen oder es wegzudrücken. Die Eifersucht ist zwar da, aber sie beherrscht dich nicht. Du hast die Kontrolle, nicht deine Gefühle. Die Welle flacht wieder ab und du kommst wieder zu dir zurück und kannst klar denken.

Die Situation hat sich zwar nicht geändert, aber dein innerer Zustand hat sich wieder reguliert. Du erinnerst dich daran, wer du bist, wofür du stehst, und dass dieses Gefühl nicht deine Wahrheit über dich oder eure Beziehung definiert.

Normale Eifersucht geht auch nicht automatisch mit langfristiger Selbstabwertung einher. Du denkst vielleicht kurz darüber nach, warum dich das so sehr trifft, aber du rutschst nicht in eine dauerhafte Geschichte von „Mit mir stimmt etwas nicht“ oder „Ich bin einfach nicht gemacht für offene Beziehungen“.

Eifersucht darf dich ruhig fordern, aber sie sollte nicht dein Selbstwertgefühl mindern.

In diesen Bereichen ist Eifersucht kein Warnsignal, sondern ein Regulationsprozess, in dem du in Verbindung mit dir selbst und deinem Partner bleiben kannst.

Erst wenn genau das regelmäßig nicht mehr gelingt, lohnt es sich, genauer hinzuschauen.

Wann Eifersucht in offenen Beziehungen zum Warnsignal wird

Wenn deine Eifersucht sehr stark ist, ist das noch kein Hinweis darauf, dass sie problematisch ist. Das Problem entsteht, wenn dich deine Gefühle regelmäßig von dir selbst wegbringen und du merkst, dass sich ein gewisses Muster einschleicht.

Ich meine beispielsweise, dass deine Gedanken stunden- oder tagelang um Dates, Nachrichten, Vergleiche oder ähnliche Trigger kreisen. Dein innerer Fokus hängt mehr an dem, was dein Partner tut, als an dem, was du gerade brauchst. Statt dich zu halten, verlierst du dich in Szenarien, Analysen und deinem inneren Alarmzustand.

Oder aber dein Schutzsystem übernimmt die Kontrolle. Das kann entweder so aussehen, dass du immer mehr wissen möchtest, subtile Nachfragen stellst und eure Absprachen enger ziehst, um dich sicherer zu fühlen. Und es kann auch so sehen, dass du dich zurück ziehst, stiller wirst und emotional nicht mehr erreichbar bist. Damit schützt du dich vor unangenehmen Gefühlen.

Es gibt auch noch diejenigen, die sich nun übermäßig anpassen, ihre eigenen Grenzen übergehen und zu allem Ja sagen, weil sie Angst haben verlassen zu werden.

All diese Reaktionen sind verständlich. Gleichzeitig zeigen sie, dass dein inneres Sicherheitsgefühl gerade nicht ausreicht, um die Situation zu tragen.

Ein klares Signal für dich ist auch, wenn sich deiner Eifersucht Scham beimischt. In dem Fall kommen Gedanken wie “Warum bin ich so anstrengend? Warum schaffe ich das nicht? Andere schaffen es doch auch” zu deiner Eifersucht hinzu.

Du greifst deinen eigenen Selbstwert an. Spätestens hier geht es nicht mehr um das, was dich eifersüchtig gemacht hat, sondern um dich und deine Beziehung zu dir selbst.

Es ist wichtig das an der Stelle zu erkennen. Hier helfen keine strengeren Regeln. Hier braucht es mehr innere Sicherheit.

Die Kernfrage, die wirklich hilft

Meistens stellen sich eifersüchtige Menschen die Frage: Wie kann ich eifersuchtsfrei werden?

Diese Frage ist jedoch nicht hilfreich. Eifersucht ist ein Zustand, der mit gewissen Gefühlen einhergeht. Gefühle sind jedoch keine Fehler, die wir beseitigen müssen. Wenn du versuchst sie zu bekämpfen, kämpfst du gegen dich selbst.

Versuch es mal mit dieser Frage: Wie halte ich mich, wenn starke Gefühle auftauchen?

Wenn dein Herz anfängt schneller zu schlagen, die Hitze in dir aufsteigt oder ein Ziehen durch deine Glieder fährt… kannst du dann deine Gedanken wahrnehmen, ohne ihnen direkt zu glauben? Kannst du nach Stabilität in dir suchen, anstatt nach Kontrolle im Außen?

Eifersucht verliert an Macht, wenn du lernst, dich selbst zu halten. Und DAS fühlt sich wirklich nach Freiheit an 😉

Sanfte erste Schritte

Hier sind 3 kleine Ansätze, die du ausprobieren kannst. Aber denke daran, dass eine Technik nicht automatisch etwas ändert. Innere Sicherheit zu erlangen ist ein Prozess und braucht Kontinuität.

  • Mini Übung

Wenn du merkst, dass Eifersucht aufkommt, halte kurz inne. (Ja, am besten auch im Gespräch, denn an diesem Punkt droht es meist sowieso zu kippen und das wollen wir vermeiden).

Lege eine Hand auf deinen Brustkorb oder deinen Bauch. Atme bewusst langsamer aus, als du einatmest. Sage dir innerlich, was du gerade fühlst und dass du bei dir bist. Mach es auch dann, wenn es dir erstmal seltsam erscheint 😉

Damit signalisierst du deinem Nervensystem, dass keine Gefahr herrscht und du nicht auseinanderfällst.

Dreißig Sekunden können reichen, um nicht sofort in Kontrolle, Rückzug oder Überanpassung zu rutschen. Es ist eine Sache der Übung.

  • Frage zum reflektieren

Was befürchte ich gerade und was sagt das über mein inneres Sicherheitsgefühl?

Oft ist das Gefühl, dass mit der Eifersucht einhergeht Angst. Angst, ersetzbar zu sein.

Wenn du das klarer siehst, wird das Gefühl weniger diffus. Und du hörst auf, dich selbst dafür zu verurteilen.

  • Kommunikationsatz

Wenn du das Gespräch suchst, versuche es ohne versteckte Forderung. Also nicht so etwas wie “Ich möchte, dass du weniger mit ihr schreibst.” oder “Ich brauche mehr Sicherheit von dir”.

Versuche es zum Beispiel mit:

„In mir ist gerade viel Unsicherheit. Ich arbeite damit, wollte dich aber teilhaben lassen.“ Damit greifst du deinen Partner nicht an, kontrollierst nichts und drückst keine Erwartung aus. Es ist Selbstverantwortung in Verbindung, woraus meist viel mehr Nähe entsteht.

Ich hoffe du kannst diese Ansätze für dich mitnehmen und damit viel üben. Ich verspreche dir, dass es dann irgendwann besser wird.

Bis ganz bald,

Liane

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